Was ein Rahmen hält

Was ein Rahmen hält

Kerstin Moser
von Kerstin Moser

Über Räume, die Begegnung ermöglichen, und die Haltung, die wir mitbringen

Nicht jeder Ort ist ein Raum. Nicht jede Ansammlung von Menschen ist Begegnung. Und nicht jeder Rahmen hält. Dieser Beitrag ist eine Einladung, genauer hinzuschauen: Was braucht ein Raum, damit in ihm etwas sich entwickeln und gedeihen kann? Und was bringe ich selbst mit, wenn ich ihn betrete?

Ein Bild: Ein hölzerner Rahmen lehnt schräg gegen einen Baum. Um ihn herum Schneeglöckchen, junges Licht, frühe Stille im Wald. Er rahmt nichts ein. Und gleichzeitig rahmt er alles ein. Er zeigt, was schon da war, nur anders sichtbar gemacht.

Das Bild hat mich dazu inspiriert, über Rahmen und Räume nachzudenken: Was ist ein haltender Rahmen in verschiedenen Kontexten. Was einen Rahmen ausmacht, der wirklich hält. Der schützt, ohne zu verschließen. Der Orientierung zur Entfaltung gibt. Der Begegnung möglich macht, ohne sie zu erzwingen.

Diese Fragen begleiten mich seit einer Weile. Durch eine Ausbildung, die ich kürzlich abgeschlossen habe. Durch 1:1-Begegnungen, in denen ich gespürt habe, wie viel ein einzelnes Gespräch tragen kann, wenn der Raum wirklich stimmt. Und durch Weiterbildungen, in denen ich als Teilnehmende oder als Unterstützende erlebt oder gehört habe, wie unterschiedlich Räume sein können: in ihrer Qualität, in dem, was sie ermöglichen, und auch darin, wo ihre Grenzen liegen.

In Gesprächen und im Schreiben nehme ich wahr, wie sich Räume formen. Wie Lehrende und Teilnehmende gemeinsam etwas gestalten, das größer ist als die Summe aller Einzelnen. Und wie sehr der Kontext, das Wozu, die Haltung, die jemand mitbringt, alles im Raum beeinflusst und mitgestaltet.

Rahmen als schützende Membran

Was ist ein Rahmen, der hält?

Im englischsprachigen Kontext begegnet mir dafür ein Begriff, der eine andere Qualität trägt: Sanctuary. Ich verwende ihn bewusst ohne ideologische oder weltanschauliche Rahmung, schlicht als Bild für einen bewusst gehaltenen, verantwortungsvollen Raum. Eine schützende Membran, keine Mauer. Sie trennt und verbindet zugleich. Sie ist durchlässig, aber nicht beliebig. Sie lässt außen vor oder reduziert, was für den Raum nicht dienlich ist, und ermöglicht gerade dadurch einen besonderen Innenraum. Etwas Eigenes entsteht: ein Ort, an dem friedvolles und zugleich spannungsfähiges Zusammen möglich wird. Ein Ort, der Konflikt nicht vermeidet, sondern ihm eine andere Qualität gibt: Kontakt, Begegnung, Bindung.

Echte Auseinandersetzung kann entstehen. Das Wort auch anders lesen: Auseinander und setzen. Unterschiedlichkeit wahrnehmen und zueinander in Bezug bringen.

Kontakt entsteht an der Grenze.

-Heiko Veit

Die Membran ist diese Grenze. Nicht Hindernis, sondern Kontaktfläche.

Das ist der entscheidende Unterschied. Ein Rahmen, der hält, ist kein Schutzraum im Sinne von „hier passiert nichts Herausforderndes". Er ist ein Raum, in dem das Wesentliche passieren kann, weil die Voraussetzungen dafür gestaltet sind.

Und gleichzeitig: Er existiert nicht durch seine Wände allein. Er entsteht durch das, was zwischen den Menschen geschieht, die sich darin einfinden. Durch Leitplanken, die niemanden einengen, sondern allen Orientierung geben. Durch eine bewusste Gestaltung dessen, wozu man überhaupt zusammengekommen ist.

Labels oder Namen, sei's drum

Es gibt viele Labels für das, was ich hier beschreibe: Lernraum. Erfahrungsraum. Erkundungsraum. Begegnungsraum. Übungsfeld. Entwicklungsraum. Schutzraum. Haltender Raum. Sanctuary. Möglichkeitsraum.

Jeder Begriff beleuchtet eine andere Facette. Was ein Raum ist, wie ich ihn erlebe, was er trägt oder nicht trägt, ist immer auch subjektiv. Es hängt davon ab, wie ich in diesem Moment bin. Was ich mitbringe. Was gerade in mir lebt oder ich er-lebe. Derselbe Ort, dieselben Menschen können sich an verschiedenen Tagen grundlegend anders anfühlen.

Nicht das oder das. Sondern das Erleben, das sich zeigt, wenn ich ehrlich hinschaue. Begriffe helfen bei der Orientierung. Sie legen nicht fest, was ein Raum ist.

Möglichkeitsräume: Was Räume brauchen, um zu tragen

Ich nenne diese Orte Möglichkeitsräume.

Sie ermöglichen, sie öffnen Zugänge und sie unterstützen Selbstwirksamkeit, also die Fähigkeit, selbst zu erkunden, zu entscheiden, zu handeln.

Konkreter gesagt: Ein Möglichkeitsraum hat Struktur, aber keinen Drill. Er hat Leitplanken, aber keine Enge. Er macht Raum für Rückzug und für Begegnung, manchmal gleichzeitig. Er erlaubt, dass ich erkunde, was noch nicht fertig ist. Dass ich scheitere, ohne verurteilt zu werden. Dass ich mich zeige, ohne mich vollständig erklären zu müssen.

Das klingt einfach und gleichzeitig ist es alles andere als selbstverständlich.

Was einen solchen Möglichkeitsraum von einem Ort unterscheidet, der überfordert, hat viel mit dem zu tun, was ich im Beitrag über die Komfortzone beschrieben habe: Es geht um dosiertes Zumuten bei gleichzeitiger Stabilisierung. Nicht der Sprung ins Unbekannte, nicht die Überforderung, die das Nervensystem in Schutzreaktion zwingt, sondern ein Schritt, der zugemutet wird, ohne den Boden unter den Füßen zu verlieren. Entwickeln und Gedeihen brauchen Stabilität. Nicht trotz ihr, sondern wegen ihr.

Selbstwirksamkeit entsteht nicht in Räumen, die alles vorgeben. Sie entsteht in Räumen, die Spielraum lassen und gleichzeitig genug Halt bieten, um den Spielraum wirklich zu nutzen.

Gelingensbedingungen

Was braucht es als Fundament? Aus meiner Erfahrung und Erleben teile ich diese:

Klarheit über das Wozu.

Warum kommen wir zusammen? Was ist der Rahmen, in dem wir uns bewegen? Wenn das nicht klar ist, sucht jeder Mensch im Raum seine eigene Orientierung, und das kostet Energie, die dann für das Eigentliche fehlt.

Vertrauen als Grundlage.

Nicht Komfort, sondern Sicherheit. Der Unterschied liegt im Vertrauen: Darf ich mich zeigen, ohne Konsequenzen zu fürchten, die mich kleiner machen? Darf etwas schief gehen?

Struktur, die atmet.

Ein Rahmen, der hält, braucht Form. Zeitstruktur, Rollenklarheit, klare Übergänge. Und gleichzeitig genug Durchlässigkeit, damit das Unerwartete Platz hat.

Kontakt und Bindung.

Räume, die tragen, entstehen im Dazwischen. Nicht neben-, sondern miteinander. 

Beeil Dich ist die beste Strategie, um Kontakt zu vermeiden.

-Heiko Veit

Kontakt braucht Zeit und er braucht Verlangsamung. Er braucht die Bereitschaft, wirklich zu begegnen.

Präsenz der Beteiligten.

Kein Raum trägt sich von selbst. Er braucht Menschen, die wirklich da sind. Mit dem, was sie bewegt. Mit dem, was sie herausfordert.

Eigenverantwortung.

Jeder Mensch, der einen Raum betritt, gestaltet ihn mit. Das ist kein Vorwurf, es ist eine Einladung: Was bringe ich mit? Was lasse ich zu?

Diese Bedingungen entstehen nicht von selbst. Sie werden gestaltet.

Die Lehrenden

Und dann gibt es jene, die den Rahmen gestalten und halten.

Was sie tun: Sie laden ein. In einen Erfahrungsraum, in dem auch Wissenstransfer stattfindet, aber auch mehr. Tritt ein, und schau, was sich zeigt. Erkunde nicht nur das Thema, sondern auch Dich selbst darin.

Was ich aus der intOE für mich mitgenommen habe: Es gibt eine eigene Anatomie. Öffnen des Raumes. Beginn und Framing. Orientierung durch den Ablauf. Ergebnissicherung. Abschluss. Schließen des Raumes. Jede dieser Phasen ist Gestaltungsaufgabe, und jede braucht Aufmerksamkeit.

Das geschieht teils im Vorder- und teils im Hintergrund. Und gleichzeitig: Es macht einen Unterschied. Einen, der sich zeigt, wenn ein Raum trägt. Wenn Teilnehmende er-wachsen. Wenn Gespräche eine Tiefe erreichen, die ohne diesen Rahmen nicht möglich gewesen wäre.

Wie viel Raum nehme ich?

Ein Raum wird nicht nur gestaltet von denen, die ihn vorbereiten. Er wird mitgestaltet von jedem Menschen, der ihn betritt. Das ist eine der stillen Wahrheiten über Begegnung: Ich bin nie nur Gast. Ich bin immer auch Mitgestaltende.

Und das bringt Fragen mit sich, die ich mir selbst immer wieder stelle.

Wie viel Raum nehme ich? Wann nehme ich mir meinen Raum? Und wann erkenne ich, dass dieser Moment, dieser Ort, diese Menschen der passende Kontext sind, in dem ich mich einfach einbringen darf, weil es gerade stimmt?

Es gibt einen Unterschied zwischen Raum einnehmen und Raum nehmen. Zwischen Präsenz zeigen und Raum beanspruchen. Zwischen dem, was aus mir herauskommt, weil der Moment es einlädt, und dem, was ich einbringe, ohne zu spüren, ob es dazu passt, was gerade gebraucht wird.

Das ist Eigenverantwortung und gleichzeitig ist es auch Mitverantwortung. Denn jeder Mensch, der einen Raum betritt, gestaltet diesen darin mit. Die Energie, die ich mitbringe, wirkt. Die Stille, die ich halte, wirkt. Die Fragen, die ich stelle, wirken. Das Gespräch, das ich wage, wirkt.

Nicht zu nehmen, was mir nicht gehört. Wahrzunehmen, wie meine Präsenz auf andere wirkt. Wahrhaftig zu sein, auch wenn es unbequem ist. Das sind Haltungen, die ich in jedem Raum, den ich betrete, immer wieder neu einübe.

Mit Körper, Herz und Stimme

Bevor der Kopf eine Situation bewertet, hat der Körper bereits geantwortet. Er ist Resonanzraum und Sensorium zugleich, ein Klanginstrument, das zurückmeldet, was gerade wirklich los ist. Ob dieser Raum, diese Begegnung, dieser Moment stimmig ist oder eben nicht.

Das klingt einfach und gleichzeitig braucht es Übung, wirklich auf dieses Feedback zu hören.

Wie gegründet bin ich gerade? Bin ich wirklich mit dabei, mit Hirn, Herz und Hara, das spürt, ob Dinge tragen? Oder bin ich vor allem im Kopf: analysierend, beobachtend, aber im eigentlichen Sinne nicht ganz da?

Diese Frage ist keine Kritik. Sie ist eine Einladung, innezuhalten und nachzuspüren.

Was es bedeutet, sich wirklich zu zeigen. Nicht nur anwesend zu sein. Nicht nur teilzunehmen. Sondern mit dem da zu sein, was gerade wirklich da ist. Mit dem Körper, der zittert oder sich ausdehnt. Mit der Stimme, die noch sucht. Mit dem Herz, das vor Aufregung laut pocht. Das kann sich ein Stück weit nackt anfühlen.

Je nachdem, welche Erfahrungen jemand mitbringt, welche Ausbildungen, welche Prägungen, kann dieses Sich-Zeigen mehr oder weniger vertraut sein. Die eigene Geschichte klingt immer mit. Und gleichzeitig: Es gibt Räume, in denen es möglich wird. Weil die Haltung der Lehrenden einlädt statt fordert. Weil die anderen Menschen im Raum dasselbe wagen.

Das braucht Mut. Und Sanftmut mit einem selbst. Sich zuzutrauen, auch wenn die Worte noch nicht fertig sind. Den Körper sprechen zu lassen, auch wenn er sich ungewohnt anfühlt. Das Herz zu zeigen, auch wenn verletzlich. Das ist kein kleiner Schritt und er verdient Anerkennung, ganz gleich wie er ausfällt.

Gleichzeitig gehört Selbstfürsorge dazu. Eigenverantwortung bedeutet hier auch: zu spüren, wie weit ich gehen kann, ohne mich zu verlieren. Meine Grenze zu kennen und falls notwendig auch wahrzunehmen.

Zum Innehalten

Was möchtest Du als Nächstes wahrnehmen?

Nicht was Du tun solltest. Sondern was sich zeigt, wenn Du einen Moment lang mit diesen Fragen bleibst:

Welche Räume in Deinem Leben halten wirklich? 

Was macht sie aus, wenn Du genauer hinschaust?

Wie viel Raum nimmst Du Dir gerade? Und: Ist das Dein Raum, oder nimmst Du ihn auf Kosten von etwas anderem?

Was wäre möglich, wenn Du Dich in einem Raum wirklich zeigen würdest, ohne vorher zu wissen, wie er aufgenommen wird?

Der Rahmen wartet. Was Du hineinstellt, liegt bei Dir.


Kerstin Moser
Kerstin Moser
Hier teile ich Gedanken zu verschiedenen Themen, die mich bewegen und Fragen, die unter der Oberfläche liegen. Ohne fertige Antworten, aber mit offenem Blick, Klarheit und Neugier. Vielleicht findest Du hier etwas, das Dich berührt.
Unterschrift_Heiko-Veit

Alle Beiträge dieser Kategorie