Was bewegt mich gerade wirklich?

Was bewegt mich gerade wirklich?

Kerstin Moser
von Kerstin Moser

Nicht was ich tun sollte. Nicht was vernünftig wäre. Sondern: Was bewegt mich? Und vor allem: Wohin?

Ich sitze manchmal mit dieser Frage, bevor ich antworte. Bevor ich handle. Bevor ich entscheide. Weil ich gelernt habe, dass die Richtung oft wichtiger ist als die Geschwindigkeit. Und dass Veränderung nicht dort beginnt, wo ich etwas tue, sondern dort, wo ich ehrlich hinschaue.

Zwei Räume. Ein Moment.

In der Arbeit mit Veränderungsprozessen begegnet mir eine Unterscheidung, die ich hilfreich finde, weil sie präzise ist, ohne zu vereinfachen: der Unterschied zwischen Problemraum und Lösungsraum.

Der Problemraum ist der Raum der Vergangenheit. Hier wohnen die Fragen: Warum ist das passiert? Wer trägt Verantwortung? Was ist falsch gelaufen? Er schaut zurück. Er sucht Muster, Ursachen, Verantwortung. Das ist nicht per se falsch. Muster erkennen, Ursachen benennen, Grenzen verstehen: das ist notwendige Arbeit. Wer diesen Raum überspringt, läuft Gefahr, dieselben Schleifen neu zu drehen.

Der Lösungsraum ist der Raum der Zukunft. Hier entstehen andere Fragen: Wohin soll es gehen? Was möchte ich erreichen? Was wäre wünschenswert? Er schaut voraus. Er sucht Orientierung, Ziele, Rahmenbedingungen. Er lädt ein, sich auszurichten, statt im Alten zu verharren oder festzustecken.

Zwischen beiden: die Gegenwart. Ein Punkt. Der Moment, im Hier und Jetzt in dem Entscheidungen entstehen, in dem gehandelt wird, in dem Vereinbarungen getroffen werden.

Kritisch betrachtet: Was diese Landkarte nicht sagt

Und hier möchte ich innehalten. Weil ich glaube, dass diese Landkarte nur dann wirklich nützt, wenn ich sie nicht zu einfach lese. Der Lösungsraum ist kein besserer Ort als der Problemraum. Er ist nur ein anderer. 

Wenn wir zu früh in den Lösungsraum wechseln, wenn wir die Fragen nach Orientierung und Ziel stellen, bevor wir wirklich gespürt haben, was uns bewegt, dann optimieren wir unter Umständen an der falschen Stelle. Wir beschleunigen einen Prozess, der noch nicht bereit ist. Wir überdecken mit Lösungssprache, was eigentlich Tiefe bräuchte. 

Manchmal ist die ehrlichste Bewegung keine nach vorne. Verlangsamen, wirklich innehalten, ist in Übergangsmomenten keine Schwäche und kein Aufschub. Es ist die Haltung, die dem Prozess erlaubt zu reifen, bevor vorschnelles Handeln ihn verkürzt. Auch das ist eine Entscheidung, die im Jetzt getroffen wird.

In der Begleitung zeigt sich manchmal etwas Feines: Menschen, die wissen, was sie wollen, und die noch nicht gespürt haben, was sie loslassen müssten, um dorthin zu gelangen. Das Ziel ist klar. Und gleichzeitig sitzt etwas fest. Etwas, das noch nicht angeschaut wurde. Vielleicht ein blinder Fleck zwischen den Zeilen.

Hin zu. Weg von. Eine ehrlichere Frage.

Es gibt eine Unterscheidung, die ich innerlich anwende, bevor ich weitergehe: Bewege ich mich gerade hin zu etwas, das mich wirklich ruft? Oder bewege ich mich weg von etwas, das mich belastet, erschöpft, bindet?

Beide Bewegungen können sinnvoll sein. Aber sie fühlen sich unterschiedlich an. Und sie führen an unterschiedliche Orte.

Die Bewegung weg von hat oft eine Schutzfunktion. Sie ist schnell, reaktiv, notwendig. Wir verlassen, was uns nicht mehr trägt. Das ist gut. Und gleichzeitig: Wenn ich nur weglaufe, bringe ich mich selbst mit. Die Muster, die Überzeugungen, die Enge. Auf dem neuen Pfad warten sie bereits.

Die Bewegung hin zu braucht etwas anderes. Sie braucht ein ehrliches Lesen dessen, was in mir wirklich lebendig ist. Nicht was ich sollte. Nicht was klug wäre. Sondern: Was zieht mich? Was nährt mich? Was lässt mich aufatmen?

Spüre ich gerade Weite oder Enge, wenn ich an das denke, wohin ich mich bewege? Das ist keine philosophische Frage. Das ist eine körperliche.

Was sichtbar wird, wenn wir lange genug stillhalten

Es gibt eine Form des Hinschauens, die nicht drängt. Ein stilles, ehrliches Lesen dessen, was gerade in mir lebt. Ohne sofort zu bewerten, ohne sofort zu lösen. Einfach wahrnehmen: Was ist hier? Was zeigt sich, wenn ich aufhöre, die Antwort schon zu kennen?

Und daneben eine zweite Bewegung: die Bereitschaft, nicht alles aus eigener Kraft festzuhalten. Mich auszurichten. Und dann auch zu vertrauen. Nicht passiv. Nicht naiv. Sondern in dem Wissen, dass Veränderung auch dann entsteht, wenn ich loslasse, was ich kontrollieren möchte, aber nicht kontrollieren kann.

Diese beiden Bewegungen zusammen, das genaue Hinschauen und das Sich-Anvertrauen, sind für mich die eigentliche Mitte der Veränderungslandkarte. Sie stehen nicht auf der Grafik. Aber sie machen den Unterschied zwischen Veränderung als Projekt und Veränderung als Prozess.

Eine Einladung zum Schluss

Vielleicht magst Du Dir einen Moment nehmen, bevor Du weiterliest oder weitermachst.

Schau auf das, womit Du gerade in Veränderung bist, beruflich, persönlich, innerlich. Und frage Dich: In welchem Raum halte ich mich gerade auf? Im Problemraum, der Vergangenheit sucht? Im Lösungsraum, der Zukunft gestalten möchte?

Und dann, noch ehrlicher: Bewege ich mich hin zu etwas, das mich wirklich anzieht? Oder weg von etwas, das ich hinter mir lassen will?

Beides darf sein. Beides hat seinen Platz auf der Landkarte. Wichtig ist nur, dass Du weißt, wo Du gerade stehst.

Denn Veränderung beginnt nicht erst beim Handeln. Sie beginnt mit dem Blick auf die eigene Bewegung.

Kerstin Moser
Kerstin Moser
Hier teile ich Gedanken zu verschiedenen Themen, die mich bewegen und Fragen, die unter der Oberfläche liegen. Ohne fertige Antworten, aber mit offenem Blick, Klarheit und Neugier. Vielleicht findest Du hier etwas, das Dich berührt.
Unterschrift_Heiko-Veit

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